Screening in zwölf Minuten
Ein Screening, für das man eine halbe Stunde braucht, findet im Trainingsbetrieb nicht statt. Deshalb gibt es hier den Ablauf, der übrig bleibt, wenn man auf das Nötige reduziert.
Die häufigste Rückmeldung von Trainerinnen und Trainern nach einem Modul lautet nicht, dass die Inhalte zu schwierig waren. Sie lautet, dass im Alltag die Zeit fehlt. Zwischen Aufwärmen und Hauptteil bleiben realistisch zehn bis fünfzehn Minuten — und wenn ein Screening mehr braucht, wird es nach zwei Wochen weggelassen.
Ein Screening muss deshalb zwei Bedingungen erfüllen: es muss in zwölf Minuten durchführbar sein, und es muss beim zehnten Mal noch genauso ablaufen wie beim ersten. Die zweite Bedingung ist die schwierigere.
Der Ablauf
Fünf Stationen, immer in derselben Reihenfolge. Die Reihenfolge ist nicht beliebig: wir gehen von der Referenz zu den abgeleiteten Systemen und enden bei der Ausgabe.
- Atmung, 90 Sekunden. Atemfrequenz in Ruhe, Beobachtung, ob Zwerchfell oder Brust führt. Danach eine komfortable Atempause nach normaler Ausatmung — nicht maximal, sondern komfortabel.
- Gleichgewicht, 3 Minuten. Einbeinstand pro Seite, erst mit offenen, dann mit geschlossenen Augen. Abbruch bei Bodenkontakt des zweiten Fusses. Beide Seiten notieren, nicht nur die schlechtere.
- Blickstabilität, 2 Minuten. Ein fixiertes Ziel in etwa zwei Metern Distanz, dazu Kopfdrehung nach links und rechts im Takt. Gezählt wird, wie viele Zyklen gelingen, bevor das Ziel unscharf wird oder der Blick abreisst.
- Konvergenz, 90 Sekunden. Ein Ziel langsam zur Nasenwurzel führen, bis das Bild doppelt wird. Der Abstand in Zentimetern ist der Wert — siehe Konvergenz.
- Ausgabe, 3 Minuten. Ein Einbeinsprung pro Seite mit Landung, beurteilt nach Ruhe in der Landung und Bodenkontaktzeit. Daraus ergibt sich die Seitendifferenz.
Zusammen: rund elf Minuten, plus Notieren. Mehr Stationen bedeuten nicht mehr Information, sondern weniger Wiederholbarkeit.
Ein Wert ohne Vergleich ist keine Information. Er wird erst durch den zweiten Wert zur Aussage.
Die drei Fehler, die den Nutzen zerstören
Nur bei Auffälligkeiten notieren
Wer nur dokumentiert, wenn etwas schlecht aussieht, hat keine Vergleichsbasis. Die normale Schwankung eines Tests kennt man erst, wenn man sie mehrfach über Wochen gesehen hat — und ohne diese Kenntnis lässt sich nicht beurteilen, ob eine Veränderung bedeutsam ist oder Tagesform.
Die Reihenfolge ändern
Jede Station beeinflusst die nächste. Wenn der Einbeinsprung vor dem Gleichgewichtstest kommt, steht im Gleichgewichtstest eine leicht ermüdete Person. Das ist nicht dramatisch, macht aber den Vergleich mit der Vorwoche wertlos.
Mehrere Reize zwischen Test und Retest
Der häufigste Fehler in der Praxis. Wer nach dem Screening drei Übungen macht und danach erneut testet, weiss am Ende nur, dass sich etwas verändert hat — nicht, was es bewirkt hat. Ein Reiz, ein Retest. Dann der nächste. Das ist langsamer und liefert als einziges Verfahren brauchbare Schlüsse über die individuelle Reizschwelle.
Was man dafür braucht
Ein Blickziel, das auch ein Klebeband-Kreuz an der Wand sein darf. Ein Metronom, notfalls als App. Eine Stoppuhr. Ein Balancepad, wenn vorhanden — sonst genügt eine gefaltete Matte. Und ein Blatt pro Athletin, auf dem Datum, Werte und Seite stehen.
Das ist die ganze Ausrüstung. Der Aufwand liegt nicht im Material, sondern in der Disziplin, den Ablauf über Monate gleich zu halten. Wer das durchzieht, hat nach einigen Wochen etwas, das kein Gerät liefert: einen Verlauf.